TEXTE

Unsere größtenteils humoristischen, satirischen Texte und Kurzgeschichten drehen sich um das kleine und große Leben, um Gedanken, Freunde, Jugend und Frauen. Stets dabei: ein Hauch von Ernst Thälmann, eine Nuance Berlin, etwas Menschelei und massenweise weltverändernde, philosophische Inspiration. Hier ein paar Textproben:

KINDERVATTER
WIR BLEIBEN ALLE (AUSZUG)
Unsere Nachbarn in Frankreich demonstrieren gerne. Jede noch so kleine Einschränkung der bestehenden Lebensqualität durch den Testosteronpräsidenten straft der gemeine Franzose mit gezielter Arbeitsniederlegung. Marianne, meine Freundin aus Paris, lebt zwar im Berliner Exil, dennoch entflammt ihr sozial-patriotisches Herz, wenn zwischen Normandie und Provence der Milchpreis dermaßen sinkt, dass die Bauern sich die Gänsestopfleber fürs Abendbrot nicht mehr leisten können. Sie fühlt sich dann berufen ihre Landsleute aus der Ferne zu unterstützen und legt ebenfalls die Arbeit nieder – zumindest die unbezahlte. In ihrer Firma in Mitte hätte man kein Verständnis für ihre Solidarität mit den Milchbauern und so sehe sie keine andere Möglichkeit, so erklärt sie mir, als ihren Anteil an der Hausarbeit niederzulegen. Ich müsse diesen symbolischen Akt respektieren, wenn ich sie lieben würde, meint sie. So kommt es daher regelmäßig dazu, dass ich nach zehn Stunden in der Medienbranche, französische Söckchen zum Trocknen aufhänge, Bettwäsche wechsle und das Essen zubereite, während Marianne auf der Internetseite von ‘Le Monde’ die Lage in Paris verfolgt.

“Du setzt disch für nischts ein, was?”, fragt Marianne.

“Natürlich setze ich mich für etwas ein! Ich gebe jedem Punk in meiner Nachbarschaft, der mich fragt, einen Euro oder eine Zigarette.”

Das kostet mich im Monat etwa 20 Euro und eine Schachtel Kippen. Wenn die Punks in meiner Straße rumhängen, bleibt der Attraktivitätsgrad der Wohngegend dementsprechend stabil und niemand kommt auf die Idee hier irgendwas zu investieren oder gar meine Miete zu erhöhen. Bei einer durchschnittlichen Mieterhöhung von fünf Prozent wäre ich bereits fünfunddreißig Euro monatlich los und würde, wahrscheinlich aus Frust, auch noch anfangen selbst zu rauchen.

“Das reischt nischt”, meint Marianne, “vielleischt solltest Du disch auch einmal ernsthaft mit deinem Kiez auseinandersetzen.”

Ich liebe es, wenn sie Kiez sagt. Wir wohnen in Berlin-Friedrichshain, einer ehemaligen Hochburg der linken Szene mit allerlei Hausbesetzern, Künstlern, Trinkern und sonstigen Gestalten, die langsam, aber sicher der Gentrifizierung zum Opfer fallen und in die entlegenen Stadtteile außerhalb des S-Bahn-Rings ziehen müssen.

Ein Flyer flattert in meinen Briefkasten. ‘Liebigstraße 14 bleibt’, steht in einer Pinselschrift darauf nebst dem Hinweis zum heutigen Protestmarsch durch den Bezirk. Anscheinend schlägt der Kapitalismus mit einer Besetzerhausräumung zu, um weiteren Platz für süddeutsche Gesellschaftsaussteiger zu schaffen. Ich spüre in mir die Unart reifen, gegen die Zugezogenen, die nach mir kommen, zu protestieren. Gleichzeitig ist die Demo für mich aber auch ein Ticket zur Bewunderung durch meine basisdemokratische Freundin. Marianne ist bei einem Xing-Treffen der Gruppe “Franzosen in Berlin”. Ich beschließe, sie mit einem Anruf aus dem Gefängnis von meinem Lokalengagement zu überzeugen. Ich schaue aus dem Küchenfenster aufs Alkimeter. Je nach Außentemperatur versammelt sich vor dem Späti gegenüber eine Anzahl junger Männer, um gemeinschaftlich ein paar Sternbug Pils Export zu trinken. Ein durstiger Mann – ein Grad, zwei durstige Männer – zwei Grad und so weiter. Im Bereich zwischen einem und 20 Grad ist das Alkimeter genauer als das digitale Ding, das mir meine Mutter zum Einzug geschenkt hat. Außerhalb dieses Temperaturbereichs zeigt das Messinstrument allerdings einen exponentiellen Wert an. Im Hochsommer stehen dort an die fünfzig durstige Männer. Heute sind es fünf. (…)

KRÄTSCHELL
WIE ICH ZU HUPE KAM (AUSZUG)

Entgegen dem, was heutzutage den menschlichen Individuen, insbesondere denen meiner Heimatstadt Berlin nachgesagt wird, bin ich ein von Herzen guter, höflicher und redlicher Mensch. Nicht, dass ich nicht auch ungerecht sein kann. Auch meine Weltanschauung gründet sich auf 50 Höhenmeter Schubladencontainer, um jeden da draußen schnell kategorisieren und einordnen zu können. Auch ich lache, wenn jemand den Bäcker unten bei mir an der Ecke durch die geschlossene Glastür zu betreten versucht. Und ich mache mir fast ein vor Lachen, wenn, das ist kein Witz, das ist heute Morgen gerade passiert, dieselbe Person den Bäcker dann auch wieder durch die geschlossene Glastür verlassen will.  Aber Dinge wie diese machen mir ein schlechtes Gewissen.  Sie belasten mich und ich kann nur deshalb leben, weil ich im Gegenzug viel  Gutes tue. Ein gutes Beispiel dafür ist meine Freundschaft zu Hupe. Zu jemandem, der ohne mich sehr einsam oder permanent in sehr schlechter Gesellschaft wäre. Und der mir mitunter schwere Buße für meine alltäglichen Sünden aufträgt.

Es wäre übertrieben zu sagen, diese Freundschaft kommt einer Patenschaft für ein debiles Riesenbaby gleich, aber Hupe ist auch nicht die hellste Lampe im Kronleuchter und schaukelt den Körper eines vietnamesischen Waldrindes in sagenhafter Ungeschicklichkeit durch die Stadt. Allerdings ist er der ehrlichste und hilfsbereiteste Mensch, den ich je kennengelernt habe. Und jemanden wie Hupe habe ich auch nur kennen gelernt, weil er mein Nachbar ist und weil er in keine meiner Schubladen gepasst hat. Damit ist nicht seine Leibesfülle gemeint, sondern die Zusammensetzung seiner äußerlichen wie innerlichen Eigenschaften. Sie haben in meinem System keine Entsprechung. Und, um darauf zurückzukommen, dass ich ja höflich, redlich und ein guter Mensch bin, habe ich ihn auch unkategorisiert zunächst in meine Wohnung und dann in mein Leben gelassen. Damit fing das Buße tun an, aber ich bekam auch eines der kostbarsten Geschenke, die das Leben bereit hält. Eine Freundschaft, die, und das soll jetzt nicht zum Lachen sein, die durch Dick und Dünn geht.

Zutritt zu meiner Wohnung verschaffte sich Hupe an meinem zweiten Abend in diesem  Haus. Es sei guter Brauch, sich den neuen Nachbarn vorzustellen, sagte er. In meiner bisherigen, bürgerlichen Welt, ging dafür der Neuankömmling auf die Alteingesessenen zu, aber Hupe legte dieses System anders aus und lachte mich freundlich aus seinem Pastateller-großen Milchgesicht an. In der Hand ein Fläschchen Kröver Nacktarsch und eine Kiste Weinbrandbohnen. Meine Entschuldigung, dass ich noch keine Sitzmöbel aufgebaut hätte ignorierte Hupe geflissentlich, lief ins Wohnzimmer und besetzte meinen Lesesessel.

In meiner bürgerlichen Vorstellung des Kennenlernens beginnt das nun folgende Gespräch mit der Nennung des eigenen Namens und dem des Gegenübers, einem kurzen Abriss über die Karriere und ihren aktuellen Stand,  und gleitet, locker leicht hinüber, zur regionalen Herkunft der Anwesenden und zum Bekenntnis eher italienischen oder französischen Rotwein zu bevorzugen. Das waren an diesem Abend nicht die Themen. Was ich als sehr angenehm empfand, insbesondere, was die Karriere betrifft. Wenn man, wie ich, einst auf die Welt losging um Schriftsteller zu werden, im Moment aber, und dieser Moment dauert einfach ein paar Jahre, Spielanleitungen für Gesellschaftsspiele für 5 – 9 Jährige schreibt, dann beginnt man bei der Frage nach der Karriere immer unkonkret zu werden. „Ja, wie soll ich das beschreiben,  ich bin Medienschaffender, ich schreibe, vor Allem im Bereich Unterhaltung für Kinder.“ Auf Parties in Prenzlauer Berg oder in Pankow bist Du damit der König bei den Müttern. Besonders bei den Alleinerziehenden. Aber auch Hochstapelei ist eine Sünde und bestärkt mein schlechtes Gewissen. Und das war das Angenehme. Hupe wollte in dieser Richtung gar nichts wissen. Hupe saß zufrieden, tief versunken und fast eins geworden mit dem Lesesessel da und fragte: „Machste hier noch Bilder an die Wand?“

„Meinst Du die Wand über dem Sofa?“

„Nee, mehr so alljemein. Aber überm Sofa ooch.“

„Übers Sofa wollte ich gerade meine Sammlung von Original Filmplakaten von Premieren im Berlin der 20er und 30er Jahre hängen.“

„Ach so, is ja ooch schön. Sollick Dir helfen? Wo liejen denn die Dinga?“

„Moment, wo liegen die eigentlich. Die liegen, äh, also zuletzt, also bevor Du geklingelt hast, lagen die auf dem Lesesessel.“

„Und wo steht der, ick seh hier keenen Lesesessel.“

„Sie liegen da wo Du gerade sitzt.“
(…)

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